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Bericht der Exkursion im September 2017 in die Niederlande

Vom 28.9. bis 30.9.2017 veranstaltet der Regionalverband Südwest e.V. eine Exkursion zum Thema „Neue Ansätze der Vermittlung“ an. Insgesamt nahmen 14 Museumspädagog*innen an der Exkursion teil und gewonnen innovative Einblicke indie museumspädagogische Arbeit des Van Abbemuseums in Eindhoven, des Rijksmuseums, Van Gogh Museums, Nemo Museums und Stedelijk Museums in Amsterdam. Neben Führungen und Gesprächen mit den Museumspädagog*innne vor Ort konnten die Teilnehmer auch an Workshops und Führungen für Kinder, Familien und Erwachsene teilnehmen. Die Exkursion diente dem Austausch mit den niederländischen Kollegen über ihre Erfahrungen.

Eindhoven
Im Van-Abbe-Museum trafen wir Daniel Neugebauer, Leiter der Abteilung Marketing, Vermittlung und Fundraising. Allein die Zusammenstellung der Arbeitsgebiete überrascht. Er erläuterte uns die Eckpfeiler für die Ausrichtung der Vermittlungsarbeit. Das Van-Abbe-Museum arbeitet seit Jahren mit dem Stedelijk-Museum Amsterdam zusammen; gemeinsam bilden beide Häuser ein Expertisezentrum für Inklusion und Barrierefreiheit. Das Van-Abbe-Museum als das sogenannte „schwierige Museum“ verbindet radikale Botschaften mit einer besonderen Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der Besucher.

Die Grundlagen seiner Arbeit stelle Daniel Neugebauer so vor: Die Ausstellung und die Vermittlung werden von Anfang an verbunden, die Vermittlung wird nicht auf ein fertiges Ausstellungskonzept „aufgepfropft“, sondern gemeinsam entwickelt. Davon müssen die Ausstellungsmanager und die Kuratoren natürlich überzeugt sein. Die HandsOn-Objekte sind integraler Teil der Ausstellung. Durch die Inszenierung in der Ausstellung werden Geschichten erzählt und Fragen aufgeworfen, etwa nach der Aura des Originals oder „Alternative Geschichten über die Entstehung von Kunst“. Zentrale Schlagworte der Ausstellungskonzeption sind Dekolonisation und Demodernisierung. Die Präsentation der Sammlung hat verschiedene „Ausgaben“, d.h., dass mit die vorhandene Sammlung unter verschiedenen Aspekten ausgewählt und präsentiert wird. Die Objekte stehen nicht für sich allein, sondern sind immer einem bestimmten Kontext zugeordnet. Ein weiterer Aspekt ist die Einbeziehung der Besucher in den Gestaltungsprozess. In einem Labor können Besuchergruppen an musealen Themen arbeiten. Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen in die Ausstellungen einfließen, Beispiel: das Archiv der „Nützlichen Kunstprojekte“. Die Vermittlungsprogramm sind inklusiv gestaltet. Statt vieler Einzelprogramme nimmt das Museum eine besucherorientierte Grundhaltung ein und richtet Programme und Anschaffungen danach aus. Davon profitieren dann nicht nur die „special guests“ sondern alle Besucher. Für die Vermittlung arbeiten ca. 100 Freiwillige im Museum und sprechen mit den Besuchern; so erfährt man, was gewünscht wird und ob die Programme wirklich die intendierte Wirkung erzielen; diese Freiwilligen werden durch Schulungen für alle Mitarbeiter in den Mitarbeiterstab des Museums integriert; sie dürfen eigene Ideen und Veranstaltungen entwickeln.Durch die Vernetzung mit anderen Museen werden gute Ideen wie z.B. das „special guest program“ weitergegeben und –entwickelt. Ein besonderes Angebot ist ein Roboter , der per Internet interaktiv durch das Museum gesteuert werden kann. So können auch Menschen, die das Haus nicht verlassen können, einen Museumbesuch machen https://www.youtube.com/watch?v=vnKRb-afCKA.

Ein weiteres Angebot richtet sich an Schulklassen. Am „WOW-Tag“ übernimmt eine Schulklasse für einen Tag alle Aufgaben im Museum: Aufsicht, Kasse, Vermittlung. Die Vorbereitung dauert etwa 2 Monate, die Veranstaltung ist geeignet für Kinder von Klasse 3 – 10; sie kostet etwa € 350,-. Es gibt Audioguides zu jeder Sonderausstellung in der Art von Hörspielen.

Amsterdam
Im Stedelijk-Museum ging es um das Programm „Blikopener“. Fünfzehn junge Leute zwischen 15 und 19 Jahren werden zunächst für ein Jahr jeden Dienstag und Samstag geschult und dafür bezahlt. Sie lernen etwa ein halbes Jahr lang das Museum und alle seine Mitarbeitern kennen; dann folgt ein halbes Jahr unter der Fragestellung: „Was kann ich im Museum und für das Museum tun?“ Nachdem das Jahr absolviert ist, bleibt es ihnen überlassen, ob sie den Kontakt zum Museum halten und weiterhin Führungen machen oder ein eigenes Format entwickeln. Etwa 70% der Blikopener tun das, begleitet von den Alumni. Sie können dabei ihre Arbeitsfelder selbst wählen, also z.B. den social media-Bereich betreuen oder Veranstaltungen für junge Leute planen und durchführen etc. Die Bezahlung als Wertschätzung für das Engagement ist sehr wichtig; manche kommen, nur um einen „Nebenjob“ zu haben und werden für Kunst interessiert. Die Teilnehmer kommen aus allen Quartieren Amsterdams und sollen so einen Querschnitt der Zielgruppe „junge Leute in Amsterdam“ bezüglich Altersgruppe, Bildungsgrad, Wohnort usw. abbilden. Ganz wichtig: Sie bringen ihre Peers mit. So werden neue Besuchergruppen für das Museum aktiviert. Die Blikopener müssen sich bewerben (ca. 180 Bewerbungen pro Ausschreibung) und brauchen keine Vorkenntnisse in Kunst. Alle Bewerber werden für einen Tag eingeladen und in Zehnergruppen mit dem Museum bekannt gemacht. Die Alumni sind dabei und schlagen etwa 25 Personen vor, die dann zum Einzelgespräch eingeladen werden. Aufgenommen werden immer 15 Personen pro Jahr. Die Koordinatoren wechseln alle 2 – 3 Jahre, damit immer frischer Wind reinkommt.

Im Nemo-Museum trafen wir Frau Franse. Die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte läuft über „Probleme“, welche kreiert und von den Besuchern gelöst werden, und das auf vier Stockwerken. In Zusammenarbeit mit der Uni können Besucher in bestimmten Veranstaltungen Wissenschaftler treffen. https://www.nemosciencemuseum.nl/en/activities-at-nemo/additional-activities/

Frau Franse zeigte uns die Präsentationen, mit welchen die Guides, Mitarbeiter und kooperierenden Institutionen instruiert werden. Es geht sowohl um Spaß als auch um Relevanz. Der Lehrplan bzw. Arbeitspläne der niederländischen Schulen stehen im Fokus einiger Workshops/Programme; einige neue Programme werden in Zusammenarbeit mit Schulklassen / Lehrern erarbeitet und getestet. Der Leitfaden wurde von allen Abteilungen gemeinsam erarbeitet, damit alle gut damit arbeiten können. Die Mitarbeiter werden zunächst drei Stunden pro Woche, dann zwei Stunden pro Woche geschult. Im Nemo gibt es überall Dinge zum Anfassen und Ausprobieren, da ist es wichtig, dass alle Mitarbeiter*innen die Besucher begleiten können.

Im Rijksmuseum hatten wir zunächst eine Führung mit Herrn Pelkmanns, einem der etwa 60 Freelancer, die im Rijksmuseum nach vorgegeben Konzepten (Handreichungen) führen. Er hatte viele interessante HandsOn mit, welche z.B. die Oberfläche eines späten Rembrandt-Gemäldes nachahmen oder schmecken wie eine Süßigkeit aus dem „Goldenen Zeitalter“. Transportiert wurden die HandsOn in einer einheitlichen Tragetasche, die die corporate identitiy des Rijksmuseums optisch sichtbar machte, cool, trendy und praktisch war. Er erläuterte uns vor allem, wie er mit Oberstufen-Klassen arbeitet, welche im Abitur dann auf das Gelernte zurückgreifen sollen. Er lässt zu Beginn jeder Führung die Vorkenntnisse zusammentragen. Auf einem iPad kann er ergänzendes Material zeigen und abspielen. Vergleiche direkt vor dem Objekt sind wichtig, z.B. zwischen einem Gemälde aus dem 17. Jahrhundert und der Leihgabe aus dem 16. Jahrhundert, welche im gleichen Saal hängt oder anhand von Fotos aus der Jetzt-Zeit, welche allgemeingültige Themen wie Krieg, Familienleben und Anderes in den Fokus nehmen. Mit Grundschülern wird das Leben in einer bestimmten Epoche anhand der Kunstwerke ergründet. In Eigenregie versuchten Frau Péró und Frau Löchner sich am nächsten Tag am Familienführer in Deutsch. Er enthält einige wirklich schöne Ideen (z.B. die „Taschenlampe“). Um mit seiner Hilfe den Weg durch die Ausstellung zu finden, müssen Erwachsene und Kinder zusammenarbeiten. Am Nachmittag trafen wir Birte ten Hoopen. Sie erläuterte, dass die Zusammenarbeit mit den Schulen darauf beruht, die Lehrer einerseits zu entlasten und andererseits eine Beziehung zu ihnen zu knüpfen. Der persönliche Kontakt sorgt dafür, dass die Programme weiterempfohlen und nicht beliebig als „Lückenfüller“ genutzt werden. Zu jedem Besuch gibt es vorbereitendes Unterrichtsmaterial für vier Stunden, welches dem Lehrplan folgt. Die Besuche samt Anreise werden vom Personal des Museums organisiert. Erleichtert wird das durch die Benutzung von drei unterschiedlichen Bus-Systemen, welche die Kinder zu Amsterdams Museen bringen. Für die Lehrer gibt es einmal jährlich eine „Lehrer-Party“ mit Musik, Essen, Trinken und natürlich Programm in der Ausstellung, aber nur als Angebot, nicht als Pflicht. Im Fokus des Rijksmuseums stehen Kinder ab vier Jahren und Schulkinder. Das schließt die intensive Beschäftigung z.B. mit jüngeren Kindern aus, aber andere Museen in Amsterdam beackern dieses Feld. Besuchergruppen können nach Anmeldung im ausgezeichnet ausgestatteten Labor für analoge und digitale Fotografie arbeiten. Außerdem zeigte Frau van Hoopen zeigte uns die Bühnen des Museums, mit deren Hilfe Besucher unter dem Motto „You and the Golden Age“ auf Zeitreise in die Welt Rembrandts, Hugo de Groots oder nach Nova Sembla gehen können. Das war wirklich beeindruckend! Sie hat selbst einen Theater-Hintergrund, die Mittel für die Ausstattung sind zum Teil von Sponsoren eingeworben. Das Rijksmuseum hat einen youtube-Kanal, dort kann man die Veranstaltungen teilweise sehen. https://www.youtube.com/user/RijksmuseumAmsterdam

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