Berichte aus dem Verein für Museumspädagogik Baden-Württemberg e.V.
2009
„Es gibt kein Verbot für alte Weiber auf Bäume zu klettern“ – Museen als Orte lebenslangen Lernens
Fachtagung des Vereins für Museumspädagogik Baden-Württemberg
23.-24. Oktober 2009 in Bietigheim-Bissingen

Vorträge, Tandem-Workshops und Berichte aus der Praxis boten einen Blick auf das Thema „Senioren im Museum“ aus unterschiedlichen Perspektiven.
Freitag, 23. Oktober:
Dr. Roswitha Pfaffinger ist praktizierende Ärztin und arbeitet im Bereich Geriatrie. In ihrem Impulsreferat erörterte sie das Thema Alter(n) und machte die Belange älterer Menschen deutlich. Mit anschaulichen Diagrammen, Analysen, Schaubildern und Fotobeispielen gelang es ihr dem Plenum die gesundheitlichen Entwicklungen im Alter aufzuzeigen. Der Zusammenhang zwischen körperlicher und geistiger Fitness bis ins hohe Alter, der Verlauf von demenziellen Veränderungen und die Möglichkeit und Notwendigkeit für geistiges, sowie körperliches Training wurden angesprochen. Die Voraussetzungen für gesundes Altern sind Bewegung, Gedächtnis- und Psychomotoriktraining, eine positive Lebenseinstellung und soziale Teilhabe. „Der Mensch ist die Medizin des Menschen“ hieß es abschließend und besser als Medikamente seien gemeinsame Erlebnisse, Bewegung und Unternehmungen.
Nicole Deisenberger berichtete von ihrer die Arbeit mit demenziell veränderten Personen im Museum. Dabei spielt das Museum nicht als Lernort, sondern vielmehr als Ort der Begegnung und der Kommunikation eine große Rolle. Diese Arbeit kann gelingen, wenn kleine Gruppen und feste, wiederkehrende Termine und Strukturen gewählt werden und die Museumsmitarbeiter/innen und die Teilnehmer/innen sich kennen. Auf die Biographie und den Stand der Demenz jeder einzelnen Person muss dabei Rücksicht genommen werden.
Ihr Rezept lautet Improvisation:
- Sag ja und gehe auf alle Vorschläge ein
- Verwende deinen ersten Einfall
- Lass das Vorausplanen sein
- Vertraue deiner Phantasie
- Konzentriere dich auf den Focus (ein Ort, eine Person, einfache Struktur)
Für die Museumspädagoginnen und –pädagogen heißt das, das eigene Selbstverständnis zu hinterfragen und der Gruppe der demenziell Veränderten mit viel Offenheit und Empathie und zu begegnen.
Nach diesen anregenden Impulsvorträgen wurde das Mittagessen im Haus an der Metter, einem Altenzentrum, eingenommen. Von dort aus starteten die sieben Workshops, die am Nachmittag verschiedene Angebote für ältere Museumsbesucher erprobten. Kirchenpädagogik, plastisches Gestalten, kreatives Schreiben, Malen und Zeichnen, Bewegung und Tanz, Musik und ganz allgemein die Voraussetzungen für gute Angebote für ältere Besucher/innen standen im Mittelpunkt. (Die Ergebnisse der Workshops werden zusammengefasst und an dieser Stelle veröffentlicht) Mit der Mitgliederversammlung und einem Abendimbiss in netter Rinde ging der Tag im Enzpavillon zu Ende.
Samstag, 24. Oktober:
Mit einem Sitztanz starteten die Tagungsteilnehmer/innen am Samstag beschwingt in den zweiten Tag. Insgesamt acht Berichte aus der Museumspraxis zeigten schon erfolgreich verlaufene Angebote für und mit Senioren und Seniorinnen. Bedingungen und Wirkung der ehrenamtlichen Arbeit an Museen wurde von Dr. Udo Liebelt vorgestellt. Frieder Stöckle berichtete über sein Forschungsprojekt: Die filmische Dokumentation von aussterbenden Handwerken. Obwohl die Handwerker schon lange im Rentenalter sind, gehen sie immer noch dem Beruf nach und erzählen im Film von den Arbeitsabläufen, aber auch von den Belastungen. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Identität resultieren maßgeblich aus der erfolgreich ausgeführten Arbeit und über die Einbindung in die Abläufe der Natur.
Eva Unterburg berichtete über ein Angebot des Badischen Landesmuseums Karlsruhe: In regelmäßigen Gesprächskreisen treffen sich Besucher/innen im Seniorenalter, befassen sich mit ausgewählten Kunstwerken bzw. Inszenierungen und tauschen sich aus. Die Aufgabe der Museumspädagogin bestehe darin, Impulse zu geben und viel Raum für Assoziationen, Emotionen und Fragen zu schaffen.
Friederike Winkler-Rufenach beschrieb ein Angebot für demenziell veränderte Menschen im Wilhelm Lehmbruck-Museum in Duisburg. In kleinen Gruppen mit intensiver Betreuung und teilweise praktischen Arbeiten werden hier Plastiken und Skulpturen vermittelt. Die Freude der Museumsgäste gaben eindrücklichen Fotos wieder.
Konrad Kopf stellte JAZz – „Jung und Alt Zukunft zusammen“ als Projekt vor, in dessen Verlauf erfahrene Seniorinnen und Senioren Hauptschülerinnen und –schülern bei deren Berufsfindung und Bewerbung bis zum Start ins Berufsleben unterstützen.
Das Museum dient bei diesem Projekt als Ort der Begegnung, an dem sich alle Mitwirkende im Verlauf einer eigens dafür konzipierten Veranstaltung kennenlernen.
Für Personen, die durch körperliche Einschränkungen vom Museumsbesuch abgehalten werden, gibt es in Bietigheim-Bissingen das Museum mobil. Regina Ille-Kopp und ihre Kolleginnen nehmen dazu Exponate mit in die Seniorenheime oder in die Treffpunkte der älteren Menschen. Die Exponate dienen als Ausgangspunkt für Gespräche, in denen Erfahrungen und Wissen der älteren Gesprächspartner eingebracht werden.
Im Abschlussgespräch wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern betont, dass die Variantenbreite der Vorträge und Workshops als sehr angenehm und inspirierend empfunden wurde. Viele Anregungen seien gegeben worden, die ohne große Mühe in den einzelnen Museen umgesetzt werden können.
(VoKo)
Tagungsbericht als pdf
Einblicke-Tagung in Weil am Rhein am 06. Juli 2009

Ein Museum im äußersten Südwesten von Baden-Württemberg lud diesmal zu einem Einblicke-Tag ein: Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Am Anfang stand ein Rundgang durch die aktuelle Wechselausstellung „Antikörper. Arbeiten von Fernando und Humberto Campana“. Es waren Designermöbel zu sehen, die bunt und witzig wirken aber auch anregen, über Materialverbrauch, Recycling sowie Aussagen von Materialien und Formen nachzudenken. Allen 18 Teilnehmern und Teilnehmerinnen war gleich klar, diese Objekte fordern geradezu zur praktischen Arbeit und kreativen Auseinandersetzung heraus.
Gleichzeitig erlebten wir die Wirkung der Museumsarchitektur. Das Gebäude, von Frank O. Gehry entworfen, dient als Blickfang und ist das Entree eines ungewöhnlichen Werksgeländes. Von außen verwinkelt und mit einer kaum zu durchschauenden Raumstruktur lockend, bietet das Gebäude im Inneren kleine, überschaubare Ausstellungsräume mit überraschenden Lichteffekten und angenehmer Wegeführung.
Die museumspädagogischen Angebote, von Kilian Jost anschaulich und kurzweilig präsentiert, orientieren sich an den halbjährlich wechselnden Ausstellungen. In Designworkshops werden mit Jugendlichen Lampen, Sitzmöbel oder andere Gebrauchsgegenstände hergestellt. Es finden Kindergeburtstage statt oder auch Architekturworkshops, angelehnt an Kunstneigungskurse der Gymnasien in Baden-Württemberg. Wichtigstes Ziel: Sehen lernen und Kreativität fördern.
Durch die grenznahe Lage des Museum nutzen auch viele Schulklassen aus der Schweiz und Frankreich die museumspädagogischen Angebote. So liegt es nahe, Arbeitsmaterialien für zweisprachige Unterrichtsprojekte zur Verfügung zu stellen.
Am Nachmittag schloss sich eine Führung durch das Werksgelände an. Ein kurzer Blick in den Raum mit Belastungstests für Möbel rief uns in Erinnerung, dass wir uns auf einem Werksgelände eines weltbekannten Möbelherstellers befanden. Der Gang zu den einzelnen Gebäuden versetzte uns aber dann in eine Art Architekturmuseum: Das Konferenzgebäude des Japaners Tadao Ando, das Feuerwehrgebäude von Zaha Hadid, Fabrikhallen von Alvaro Siza und Nicholas Grimshaw stellte uns Kilian Jost vor und erläuterte ihre Gestaltungsprinzipien.
Mit der Einladung an berühmte Architektinnen und Architekten, in Weil Gebäude zu errichten, hat die Vitra GmbH einen „Architekturpark“ ermöglicht, der Gestaltung, Design und Funktion der Gebäude sichtbar und vergleichbar macht. Ohne dabei aufdringlich zu sein, sind diese Gebäude gleichzeitig Werbung für den Hersteller von Designermöbeln.
So war in der Abschlussdiskussion auch die kritische Frage „Wie elitär ist Design?“ kein Anlass für ein Negativurteil. Design als Mittel zur Gestaltung und die Beschäftigung mit den Gestaltungsprinzipien als Mittel, Wirkungen auf Menschen zu erzielen, wird in den Vermittlungsangeboten bewusst gemacht. Der offene Umgang mit diesen Mechanismen hilft beim „Sehen lernen“ und fordert dazu auf, ein eigenes Urteil zu bilden.
Wir bedanken uns bei Kilian Jost, dem Leiter der educativen Abteilung des Vitra Design Museums, der uns einen intensiven Einblick in die museumspädagogische Arbeit in einem ungewöhnlichen Museum gewährt hat. Gespannt warten wir auf die Verwirklichung seines nächsten Projektes: eine Architekturführung für Kinder!
Einblicke-Tagung in Reutlingen am 9. März 2009
Ziel unserer ersten Einblicke-Tagung des Jahres 2009 waren die Museen der Stadt Reutlingen. Den Auftakt bildete die Vorstellung der museumspädagogischen Aktivitäten im Kunstmuseum Spendhaus. Martina Köser-Rudolph berichtete über ihre Arbeit, die auf den umfangreichen Bestand von Werken HAP Grieshabers konzentriert ist. Bildergespräche, Führungen für Kinder und Jugendliche mit praktischen Arbeiten in der Druckwerkstatt bilden dort den Schwerpunkt. Der Höhepunkt bei den praktischen Arbeiten ist das Drucken mit der alten Kniehebel-Druckerpresse aus dem Atelier von Grieshaber. Am Nachmittag konnten die Kolleginnen und Kollegen den Arbeitsablauf an der Druckerpresse auch selbst ausprobieren, denn es wurde eine experimentelle Druckwerkstatt angeboten. 
Die zweite Station bildete das Naturkundemuseum Reutlingen. Dort führte uns Dr. Günther Wahlefeld durch die Dauerausstellung, in die anlässlich des Darwin-Jahres auch eine Sonderausstellung integriert ist. Am konkreten Exponat versuchten wir die Frage „Wie vermittle ich Kindern die beeindruckenden Exponate aus der Fossiliensammlung?“ zu beantworten.
Das Naturkundemuseum stellt ein umfangreiches Programm mit Fachvorträgen, Kinderführungen und Exkursionen zur Verfügung. Auch Sonderausstellungen und Spezialaktionen, wie das Ausbrüten von Küken, werden angeboten.
Im Heimatmuseum Reutlingen beleuchteten Dr. Helen Wanke und Isabella Naumann die nicht immer einfach Arbeitssituation der Museumspädagogen in einem kleinen, städtischen Museum. Allein schon die Einrichtung eines museumspädagogischen Arbeitsraumes und Stellflächen für Material konnte dort erst nach vielen Verhandlungen und Dank der Kreativität der Kolleginnen erreicht werden. Trotz sehr reduzierter Personalstärke und beengter Räumlichkeiten gelingt es den Museumspädagoginnen dort, ein abwechslungsreiches und liebevoll vorbereitetes Programm anzubieten. Erlebnisführungen, Kindergeburtstage, Kurzführungen zu ausgewählten Exponaten aber auch Spiel- und Spaßnachmittage sowie Bastelaktionen stehen zur Auswahl. In einem Workshop näherten wir uns am Nachmittag dann der Frage „Wie vermittle ich gotische Skulpturen?“
Die Tagung war mit 30 Teilnehmern und Teilnehmerinnen ausgebucht und der Vorstand des Vereins für Museumspädagogik Baden-Württemberg bedankt sich sehr bei den Kolleginnen und Kollegen in Reutlingen für die Vorbereitung und die Zeit, die sie uns zur Verfügung stellten. So konnten wir vielfältige Eindrücke sammeln, in Gesprächen und Diskussionen Stellung nehmen und mit neuen Ideen im Kopf die Heimreise antreten.
Heike Vogel (Zeppelin Museum Friedrichshafen)
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